Körperwelten – eine „Monstershow“ schreibt Mediengeschichte

Körperwelten – Das Buch zur Show

Wer bei der Zeugung und Geburt des Menschen für Ruhm und Geld seinem Gott ins Handwerk zu pfuschen gedenkt, steht mit Sicherheit im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Neben der Schöpfung existiert nur ein zweiter Bereich, in dem herum zu experimentieren für den Menschen tabu ist: der Tod. Ihn gewaltsam herbeizuführen, ist in nahezu jeder Kultur verboten – es sei denn, es wird für Gott oder Vaterland gestorben. Den Tod nicht zu verhindern, wird in unserer Gesellschaft unter dem Stichwort Sterbehilfe immer wieder einmal hitzig diskutiert.
Die Toten selbst indes sind geschützt. Elend, Vergänglichkeit und Tod zur Schau zu stellen, ist demnach ein erheblicher Tabubruch – insbesondere, wenn man damit Geld verdient. Tut man es aber für die Wissenschaft, dann sind die Skrupel geringer. Eine Ambivalenz, die auch in der kontroversen Diskussion rund um die erfolgreichste Ausstellung der deutschen Geschichte deutlich wurde.Das Szenario wirkte bizarr: Ein Mann, der seine Haut wie einen Umhang über dem Arm trägt; ein Reiter auf einem scheuenden Pferd, mit angespannten Muskeln in der Pose erstarrt; ein Querschnitt durch eine schwangere Frau und das Kind in ihrer Gebärmutter; eine in zwei Hälften geteilte Schwimmerin, die horizontal im Raum schwebt und den Blick auf ihre Wirbelsäule und die inneren Organe freigibt.
Mit ästhetisch in Szene gesetzten Präparaten „echter“ Leichname hat die Ausstellung Körperwelten einen der letzten sittlichen Grundpfeiler der modernen Gesellschaft erschüttert: die Verleugnung des Todes und seine Ausbürgerung aus dem öffentlichen Leben.
Weltweit besuchten schon über dreißig Millionen Menschen die Ausstellung Körperwelten, um das Wunder des menschlichen Körpers anhand der Plastinate genannten Exponate zu bestaunen. Der Initiator, Gunther von Hagens, ist Professor für Anatomie. Es gehört zu seinem Beruf, Leichen zu untersuchen, zu sezieren und zu konservieren. Und solange er das im Rahmen medizinischer Forschungen machte, hatte auch niemand etwas dagegen einzuwenden. Doch dann entwickelte von Hagens das neue Präparationsverfahren, die so genannte Plastination, und beschloss, die neuartigen Präparate öffentlich auszustellen.

Ein erstes Ausstellungsprojekt des Heidelberger Anatoms 1988 in Zusammenarbeit mit der AOK in Pforzheim – und damit im weiteren Sinne noch in einem medizinischen Kontext – fand jedoch wenig Beachtung. Doch als Körperwelten im November 1997 im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim als Sonderausstellung anlief, brach plötzlich eine heftige Kontroverse um von Hagens und seine Plastinate aus.
Die Medien, die sich für die Pforzheimer Schulausstellung keinen Deut interessiert hatten, überschlugen sich mit einem Mal. Spiegel, Zeit, Bild … – die Printmedien druckten Reportagen, Kommentare, Leserbriefe. ARD, ZDF, RTL,… – die TV-Sender brachten Dokumentationen, Diskussionsrunden und spektakuläre Bilder. Und die Menschen standen Schlange. Bis zu sechs Stunden Wartezeit nahmen die Besucher in Kauf, um die Schau zu sehen. Eigentlich sollte die Ausstellung in Mannheim nur drei Monate gezeigt werden, doch wegen des großen Publikumsandrangs wurde ein weiterer Monat angehängt, zudem wurden die Öffnungszeiten verlängert. Erstmals öffnete ein Museum rund um die Uhr. Doch auch nachts um drei bildeten sich vor dem Landesmuseum endlose Besucherschlangen.
Alle wollten die Sensation sehen – eine Sensation, die acht Jahre zuvor keinen Hund hinterm Ofen vorgelockt hatte und die heute, Jahre später, längst aus den überregionalen Schlagzeilen verschwunden ist. Nur an den jeweiligen Ausstellungsorten sind die Körperwelten auch heute noch immer ein Riesenerfolg. Was war da los im Winter 97/98? Was war geschehen? Woran hatten die Medien so einen Narren gefressen?

Die Pforzheimer Präsentation der von Hagenschen Plastinate war deshalb so wenig spektakulär, weil damals noch keine Ganzkörper-Plastinate ausgestellt worden waren. Zudem galten die Stücke als pädagogisch wertvoll – Raucherlunge und Säuferleber schrecken nicht nur die Jugend von Sünden ab und schockieren letztlich nicht mehr als das obligatorische Skelett aus dem Biologieunterricht. Bei einer Präsentation von Ganzkörper-Plastinaten in Japan war das Publikum zwar nicht in Verzückung, aber doch in sensationslustige Begeisterung geraten. In der ersten deutschen Schau ließ von Hagens darum kein Tabu aus – und erntete jede Menge Widerstand.
Da war einer, der die ungeschriebenen Gesetze von Sitte und Anstand verletzte, die gesellschaftlich zugewiesene Rolle als Mediziner im Labor verließ und an die Öffentlichkeit ging und der durch die bewusste Verletzung von gesellschaftlichen Normen und Werten schockierte. Da forderte einer respektlos einen Gegner heraus. Die Frage war nur, welchen. Denn ein solcher Tabubruch funktioniert natürlich nur, wenn die Herausforderung angenommen und die Kontroverse medienwirksam durchfochten wird.

Nicht die Wissenschaftler, die weitaus Schlimmeres gewohnt waren, und auch nicht die Museumswelt, die solcher Art Provokation schon lange nicht mehr als spektakulär empfand, regten sich auf, sondern die Theologen. Wie auf Bestellung rückten evangelische und katholische Kirche gemeinsam an, um durch öffentliche Proteste oder juristische Verbote dem Event zu ungeahnter Popularität zu verhelfen. Ein Ereignis wird eben erst dann zum Skandal, wenn sich jemand lautstark in der Öffentlichkeit darüber aufregt.
Gunther von Hagens konnte sich im Grunde über die feindselige Unterstützung der Kirchenvertreter freuen und stellte sich der Debatte, wo er konnte. Der Streit ging quer durch alle Lager, Altersgruppen und Parteien und reichte von enthusiastischer Zustimmung bis zur Forderung nach einem Verbot der Ausstellung: Heftige Proteste kamen erwartungsgemäß von der katholischen Kirche, die der plastinierten Toten eigens mit einem Requiem gedachte. Christsein heute dagegen lobte: „Gefeiert wird hier nichts anderes als Gottes Meisterstück des menschlichen Körpers …“ Der damalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, sah Parallelen zwischen von Hagens und den Verbrechen der Nationalsozialisten, die „menschliche Körper millionenfach zu Seife verarbeitet, aus menschlicher Haut Lampenschirme hergestellt“ hatten. Für den Medical Tribune bot Körperwelten allerdings auch eine Chance für einen offenen Dialog mit Patienten über Vorbeugung, Krankheit und das Sterben. Andere Kritiker argumentierten weniger sachlich und beschimpften den Wissenschaftler als „Leichenfledderer“, „Dr. Mabuse“ oder „Frankenstein vom Neckar“, die Ausstellung sei eine „Monstershow“ und diene der „Leichenprostitution“.

Auf diese Weise wurde das Thema zum gefunden Fressen für die Medien. Alle meldeten sich zu Wort, das Echo war gigantisch und Körperwelten wurde eine der bekanntesten und erfolgreichsten Sonderausstellung Deutschlands. Der Plastinator lässt bis heute fast keine PR-Technik aus: Die systematische Selbstinszenierung ist schon lange Teil seines Lebens geworden. Es sei das Bedürfnis einer jeden Persönlichkeit seine Individualität zu demonstrieren, ist er überzeugt, und demonstriert sie also mit schwarzer Lederweste und – nicht ganz so individuell – Beuys-Hut. Dass er, wenn er leicht näselnd und in unterdrücktem sächsischen Singsang langsam und gesetzt spricht, besonders skurril wirkt, nimmt er billigend in Kauf. Schließlich gibt ihm diese kuriose Erscheinung durchaus etwas Geheimnisvolles – eine sichere PR-Technik. Publikumswirksam war auch seine gern wiederholte Erklärung, er habe in seinem Testament festgelegt, dass sein Frau ihn als Plastinat einfrieren und in dünne Scheiben sägen solle.
Auch lässt er gern den Glanz manch berühmten Anatoms der Vergangenheit auf sein Haupt scheinen, so betont er immer die Bedeutung des – in damaliger Zeit durchaus ebenfalls umstrittenen – Anatoms Vesal und stellt sich mit dem „Pferd-mit-Reiter-Plastinat“ ganz bewusst in die Tradition des historischen Medizinerkollegen Fragonard.

Ganz sicher täte man dem Heidelberger Mediziner Unrecht, wenn man seine ganze Arbeit auf eitle Ruhmsucht reduzieren wollte. Seine Leidenschaft gilt der Anatomie, die in unserer Medizin fast nur noch didaktische Aufgaben erfüllt. Und dank der von Gunther von Hagens erfundenen neuen Konservierungsmethode kann die anatomische Lehre im 21. Jahrhundert eben sehr viel angenehmer gestaltet werden – ohne eklige Gerüche oder komische Verfärbungen zum Beispiel. So angenehm, dass man die anatomischen Präparate auch einem breiten Laienpublikum zugänglich machen kann. Ein Ziel, das lange vor dem Heidelberger schon viele andere ehrenwerte Mediziner verfolgt haben – nur eben niemand mit so viel PR-Talent wie Gunther von Hagens.

 

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