Geheimdienst-Pfuscher vollbringen eine PR-Meisterleistung

Zimmermann-Telegramm

Wer die Titelseite sucht und sich etwas traut, der wähle die erfolgreiche Blamage. Ein wunderbares Beispiel dieser PR-Taktik findet sich in der Geschichte des 20. Jahrhunderts: Es war im ersten Weltkrieg, auf den Meeren tobten grausame Seeschlachten, da wählte er englische Geheimdienst tatsächlich und bewusst die öffentliche Blamage und den Weg über die Titelseite, um den Deutschen ein Schnippchen zu schlagen. Mit einem Trick führten sie die Deutschen aufs Glatteis und stellten sich selbst dabei als Trottel hin. Eine PR-Technik mustergültig vorexerziert.

Nachdem 1916 ein gewisser Arthur Zimmermann deutscher Außenminister geworden war, verfolgte er mit allen Mitteln das vorrangige Ziel, die Amerikaner aus dem Kriegsgeschehen so lange wie möglich heraus zu halten. Solange jedenfalls bis in Deutschland der Befehl zum uneingeschränkten U-Bootkrieg gegeben werden konnte. Denn davon erhoffte sich die deutsche Admiralität einen schnellen und vor allem einen deutschen Sieg. Der ehrgeizige Politiker bastelte an einem raffinierten Plan: Seiner Meinung nach war es einzig nötig, die Amerikaner auf ihrem Gebiet zu beschäftigen, und ihre Kräfte zu binden, sodass sie keinerlei Interesse verspüren würde, sich in die Kriegswirren im fernen Europa einzumischen. So könnte Deutschland seine militärische Überlegenheit zur See ausspielen und den Krieg in Europa für sich entscheiden.

In einer verschlüsselten Botschaft erklärte er per Telegramm am 16. Januar 1917 unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit dem deutschen Botschafter Graf von Bernstorff in Washington seine Aufgabe: Man solle Mexiko ein Bündnis vorschlagen und die deutsche Unterstützung zusagen, falls die Mexikaner den USA den Krieg erklärten. Mexiko könne bei dieser Gelegenheit die Gebiete Texas, Neumexiko und Arizona zurückerobern und die USA wären mit einer vor der Haustür liegenden Front beschäftigt. Zudem sollten die Mexikaner gegenüber Japan als Vermittler auftreten, um es ebenfalls zu einem Angriff auf den Westen der USA zu bewegen, während die Deutschen die Ostküsten bedrohen würden. Das verschlüsselte Telegramm sollte der Washingtoner Botschafter deshalb dem deutschen Gesandten in Mexiko übermitteln und der sollte es dem mexikanischen Präsidenten unterbreiten, so die Strategie des Außenministers.

Zimmermann wusste zwar, dass die Engländer dieses Telegramm bereits auf dem Weg in die USA abfangen würden, aber er ahnte nicht, dass sie auch in der Lage wären, den komplizierten Codierungsschlüssel, den die Deutschen verwendeten, auch zu entschlüsseln. Doch die britischen Kryptographen William Montgomery und Nigel de Grey lösten die anspruchsvolle Dechiffrieraufgabe und ahnten, dass sie politischen Sprengstoff in den Händen hielte. Mit diesem Telegramm konnte die amerikanischen Regierung nicht länger neutral bleiben; die Deutschen planten einen uneingeschränkten U-Bootkrieg gegen Großbritannien und forderten zum Angriff gegen die USA auf.

Eilig brachten sie die entschlüsselte Botschaft zum Chef der Marineaufklärung, Admiral Sir William Hall, in der Erwartung, dass er die Amerikaner informieren würde. Doch der zögerte. Ihn trieb eine Sorge: Wenn der amerikanische Präsident Woodrow Wilson aufgrund des dechiffrierten Telegramms die deutsche Aggression öffentlich verurteilte, dann würden die Deutschen erfahren, dass ihr Codesystem entschlüsselt ist. Die Folgen wären fatal: Denn die Deutschen würden dann natürlich ein stärkeres Chiffriersystem verwenden und eine der wichtigsten Informationsquellen der britischen Abwehr wäre versiegt. Er beschloss deshalb zunächst abzuwarten, ob sich die Amerikaner nicht allein durch die Verschärfung des U-Bootkrieges zum Kriegseintritt veranlasst sähen. Dann wäre die Aufdeckung des Telegramms ja gar nicht mehr nötig.

Doch als die deutsche Marine knapp drei Woche später auf Befehl des Kaisers tatsächlich den uneingeschränkten U-Bootkrieg eröffnete, erklärte Präsident Wilson, dass die USA weiterhin neutral bleiben wolle und sich als Friedensvermittler verstehe. Jetzt blieb also nichts als das Telegramm. In der Zwischenzeit hatte sich Admiral Hall auch überlegt, wie er zwar das Telegramm aufdecken, aber mithilfe der Medien die britischen Dechiffrierkünste geheim halten könnte. Und dieser Plan war um einiges raffinierter als der deutsche „Zimmermann-Plan“:

Hall hatte sich ausgerechnet, dass der Washingtoner Botschafter Bernstorff die Botschaft mittlerweile an seinen mexikanischen Kollegen von Eckhardt weitergereicht und dass der wiederum den Text unverschlüsselt dem mexikanischen Präsidenten vorgelegt hatte. Bei diesem diplomatischen Stille-Post-Spiel würden sich vermutlich nicht nur die begleitenden Worte an den jeweiligen Adressaten, sondern auch einzelne Formulierungen der selbst Botschaft verändert haben. Und genau darin lag die Lösung.

Wenn es nämlich gelänge die letzte, mexikanische Version des Textes aufzutreiben, könnte man die problemlos veröffentlichen. Die Deutschen würden die Aufdeckung dann für eine Spionage-Panne der Mexikaner halten und nicht für eine Dechiffrierleistung der Briten. Genauso wurde der Plan umgesetzt:

Der britische Geheimdienst trieb über einen geheimen Telegrafenamts-Zugang die mexikanische Version des Zimmermann-Telegramms auf. Hall übergab diese Fassung dem amerikanischen Außenminister Arthur Balfour, der informierte den amerikanischen Gesandten Walter Pager und am 27. Februar hatte Präsident Wilson den „eleganten Beweis“, wie er es nannte, dass die Deutschen zum Angriff gegen die USA bliesen. Das Telegramm wurde den Medien übergeben und dadurch die amerikanische Öffentlichkeit von den wahren deutschen Absichten überzeugt.

Um den Verdacht völlig von sich und seinen Kryptoanalytikern abzulenken, leistete Hall nun ganze PR-Arbeit: Er lancierte einen Kommentar in der britischen Presse, in dem seine eigene Behörde kritisiert wurde, weil ihnen das Zimmermann-Telegramm durch die Lappen gegangen sei. Die Deutschen gingen auf dem Leim und schöpften keinerlei Verdacht gegen den britischen Geheimdienst. Schließlich folgten noch eine Reihe weiterer Artikel, in denen die britischen Geheimdienste als blinde Pfuscher angegriffen wurden. Dabei hatte „Ober-Pfuscher“ Hall in Wahrheit eine Meisterleistung nicht nur der Spionage, sondern auch der Medienarbeit vollbracht: Indem er sich selbst blamiert hatte, hatte er drei Jahre gescheiterter Diplomatie beendet. Am 2. April 1917 erklärte Wilson formell den Kriegszustand, am 11. November 1918 gestand Deutschland seine Niederlage ein.

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