1515 – Das Nashorn wird erfunden

Albecht Dürer, Rhinozerus 1515

„Scheiß drauf!“ musste dereinst der Maler Albrecht Dürer gedacht haben, als er von der Sensation des Jahres 1515 in Europa erfuhr: Sultan Muzafar, Herrscher des indischen Königreiches Gujarat, hatte dem „Vizekönig“ über die portugiesischen Besitztümer in Indien, Alfonso de Albuquerque, ein besonders originelles Geschenk gemacht. Zwanzig Monate lang war diese wertvolle Fracht dann auf Nostra Senhora da Ajuda die afrikanische Küste hinab, rund ums Kap der Guten Hoffnung herum über den atlantischen Ozean bis nach Portugal gesegelt und lag nun – am 20. Mai 1515 – neben Pfeffer, Muskat, Zimt und Nelkenpulver, neben Edelhölzern und glänzender Seide im halbfertigen Turm von Belém im Hafen von Lissabon. Ein Schatz, so sagenhaft, dass bald aus ganz Europa Könige und Fürsten anreisen würden, um ihn zu sehen: ein lebendes Rhinozeros, ein indisches Panzernashorn.

Keine zwei Wochen nach der Ankunft wurde das verschreckte Tier einem ersten Spektakel zugeführt. Massen von Menschen drückten sich die Nase platt, um das seltsame Tier zu begaffen. Nie zuvor war ein Nashorn in Europa zu sehen gewesen. Doch jetzt kam der Knaller: Dieses Tier sollte gegen einen Elefanten kämpfen, ganz so wie es der antike Geschichtsschreiber Plinius in seinen Schriften von der „natürlichen Feindschaft“ berichtet hatte. Ein Art exotischer Hahnenkampf der Superlative: Nashorn gegen Elefant. Doch der graue Riese, den man schon wegen seiner Größe für kampfeslustig und tapfer gehalten hatte, ergriff furchtsam die Flucht, sobald er das Nashorn erblickte. Keine noch so brutalen Schläge konnten ihn wieder in die Kampfesarena bewegen. Das Publikum war enttäuscht.

Wenige Monate später hatte wohl jeder, der in halbwegs akzeptabler Reiseentfernung von Lissabon wohnte, das sensationelle Panzertier bestaunt und allmählich flaute das Interesse der Portugiesen ab. Im Dezember des Jahres wurde das Nashorn darum wieder auf ein Schiff geladen. Nun sollte es als Geschenk für den Papst Leo X., der derlei Kuriositäten ebenfalls zu schätzen wusste, nach Rom transportiert werden. Nach einem kurzen Zwischenhalt vor Marseille, wo erneut Scharen von Menschen, reich und arm, herbeieilten, um das seltsame Tier zu bewundern, segelte man weiter nach Rom.

Doch nun passierte die Katastrophe: Kurz bevor man die rettende Küste von Porto Venere erreichte, ergriff eine gewaltige Sturmwelle das Schiff, es kenterte und versenkte es im sonst so ruhigen Mittelmeer. Die Füße in schwere Eisenketten gelegt war das Rhinozeros nicht in der Lage sich zu befreien und starb darum im Januar 1516 einen jämmerlichen Tod.

Für Albrecht Dürer, der in diesen Jahren in Nürnberg wohnte, wäre eine Reise an jeden dieser Orte viel zu weit gewesen. Dennoch war er Geschäftsmann genug, um zu wissen, dass er mit Zeichnungen des Wundertieres eine Menge Geld verdienen könnte. Da er die Holzschnitte ja an Menschen verkaufen würde, die das Tier ebenso wenig gesehen hatten wie er selbst, spielte es auch keine Rolle, ob das Nashorn nun tatsächlich so aussah wie es aussah. Hauptsache, es sah so aus, als ob es auch so aussehen könnte.
Eile war geboten. Dürer besorgte sich Texte mit möglichst detaillierten Beschreibungen des Nashorn und machte sich dann zügig an die fantasievolle Arbeit: groß wie ein Elefant, aber mit kürzeren Beinen; ein scharfes starkes Horn auf der Nase; die Farbe einer gesprenkelten Schildkröte und von dicken Schalen bedeckt… – Das Dürersche Porträt hatte mit einem Nashorn etwa so viel zu tun wie der Hut Saint-Exuperys mit einer Schlange, die gerade einen Elefanten verschluckt hatte. Dennoch: Dürer gelingt das Unmögliche, er zeichnet ein Tier, das er nie gesehen hat – und es wird ein Meisterwerk.

Obgleich man später vielfach Gelegenheit hatte, das Bild mit einem echten Nashorn zu vergleichen, zweifelte niemand an Dürers Darstellung. Im Gegenteil: Die Menschen wollten sich ein Nashorn so vorstellen, wie es Dürer gezeichnet hatte. Acht Auflagen wurden von dem berühmten Stich gedruckt, und zahlreiche weitere wurden gefälscht. Denn wie das – ja eigentlich auch gefälschte – Original verkauften sich auch die – originalgetreuen – Fälschungen und trugen so dazu bei, dass sich Dürers Ruhm bald in ganz Europa verbreitete. Dürers Rhinozeros wurde auf Teller und Vasen gemalt, in Marmor gehauen, aus Porzellan geformt und auf Wandteppiche gestickt. Es existiert als Brunnenfigur und bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde es sogar in Schulbüchern abgedruckt.

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