Luther – kleine Schummeleien eines frommen Rebellen


Mit seinem eleganten Marketing-Mix war der Prediger Paulus seiner Zeit weit voraus. Er beherrschte die Kommunikations-Techniken so sehr, dass er seine PR-Gags sogar zielgruppengerecht variieren konnte:
„Ich wurde den Römern zum Römer, den Juden zum Juden und den Griechen zum Griechen“, berichtete er nicht ohne Stolz, wie er die Sprache seiner Zuhörer, ihre Probleme und ihre Redensarten aufnahm und seine Botschaft in die jeweils passende Form brachte. Diese Art von Chamäleon-Strategie in der Selbstinszenierung scheint sich sehr zu bewähren: 1.500 Jahre später ließ sich ein anderer frommer Mann nicht nur auf die Sprache seiner Zuhörer ein, sondern auch auf deren Bilder.

Martin Luther, der Sohn eines einfachen Bergmanns, war von seinen fleißigen und sparsamen Eltern gehätschelt und gefördert worden, um seinen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Und siehe da, ähnlich wie Paulus wurde der junge Martin durch einen Blitz von Gott ins Kloster abbefohlen, und Martin gehorchte. Mit dieser Art der Erleuchtung und Berufung in den Dienst Gottes stellte sich der junge Martin in die Tradition so ziemlich aller berühmten Heiligen – ein zarter Versuch von Ruhmestausch, den er aber schnell durch andere PR-Strategien ersetzte. Um seine Klosterzeit ranken sich bis heute Legenden verschiedenster Coleur, die wohl sämtlich nicht der Wahrheit entsprechen, aber ein prägnantes Bild zeichnen: Luther habe nicht gehorcht, sei voller Widerspenstigkeit, sittlicher Mängel gewesen; man habe ihn schikaniert oder ihn am Lesen der Bibel gehindert.

Die Anekdoten seiner Jugend, mit denen er sich als rebellisch, aber religiös darstellte, sollten das zentrale Grundmuster des ganzen lutherschen PR-Gags legen. Lauter kleine Schummeleien zur Imagebildung auf dem Weg nach oben. Und der verlief recht zackig. Profess, Priesterweihe, Theologiestudium und Dozententätigkeit, Klosterprediger, Distriktsvikar und schließlich Professor der Theologie in Wittenberg – mit noch nicht mal 29 Jahren!

Porträt-Pirouetten auf dem PR-Parkett
Doch das war der erst der Anfang: Luther wollte mehr und zog drum nach und nach fast alle Register der PR. Der fromme Rebell suchte die Konfrontation und fand sie.

Tabubruch 1: Mit „95 Thesen“ zettelte er am 31. Oktober 1517 als Kirchenkritiker den Ablassstreit an, vorausgegangen war ihm natürlich eine höhere Eingebung, das sogenannte „Turmerlebnis“.

Tabubruch 2: Trotz Drohung von höchster Obrigkeit (Ketzerprozess, Bannandrohungsbulle) löste sich der Rebell 1519 in einer „Leipziger Disputation“ von der Autorität des Papsttums und der katholischen Kirche und beharrte in seinen „Hauptschriften“ fortan auf religiöser Autonomie.

Tabubruch 3: Der sprachgewandte Mann, der für jeden seiner PR-Schritte einen originellen und prägnanten Titel fand, begann 1522 die Heilige Schrift aus den geheimen Wissensherrschaftsräumen der Gebildeten zu reißen und dem Volke zugänglich zu machen. Die Übersetzung des neuen Testaments nannte er „Septembertestament“.

Die bildhafte und verständliche Sprache, die der Reformator wählte, prägte auch die deutsche Literatur. Er schuf anschauliche Begriffe wie „Blutgeld“, „Denkzettel“ oder „Feuereifer“ und führte neue Fremdworte in die deutsche Sprache ein wie „Person“, „Laterne“ oder „Fieber“. Doch das Entscheidende: Mit seiner Bibel-Übersetzung fand der Professor die Nähe und Zustimmung des einfachen Landmanns. Luther gab sich als volksnahe Gelehrter. Der Gefahr, dadurch in die Nähe von Revoluzzern gestellt zu werden, begegnete er durch offizielle Verlautbarungen, er verfolge keinerlei politische Interessen, und demonstrativ stellte er sich im Bauernkrieg Mitte der 20er Jahre auf die Seite des Adels. Eine leichte Übung, zumal er sich ja ohnehin all die Jahre gern im Glanz der Mächtigen, wie zum Beispiel des sächsichen Landesherrn Friedrich dem Weisen, sonnte und sich durch deren Hand schützen und (be-)fördern ließ.

Dennoch: Die politischen Auseinandersetzungen der Zeit brachten Luther in Bedrängnis. Ein Begriff musste her, der die Position des frommen Rebellen jenseits des linken und radikalen Flügels der Reformatoren, Spiritualisten und Täufer deutlich machte. Luther fand ihn: 1529 wurde der Titel ‚Protestant“ beim Reichstag zu Speyer zum offiziellen Synonym von Luthers persönlichem PR-Leitmotiv.

Doch die Sprachpirouetten, die Luther so glänzend auf PR-Parkett legte, brachten den Erfolg nicht allein: Die Medien der Zeit gaben Luther eine noch viel größere Chance, die das PR-Genie nicht ungenutzt lassen konnte. Die neu entdeckte Druckkunst hatte ihm schon die Möglichkeit verschafft, seine rhetorischen Fähigkeiten und Sprachbegabungen massenhaft unters Volk zu streuen. Doch nunmehr ließen sich auch Bilder reproduzieren. Das war zwar kein leichtes Unterfangen, aber mit entsprechendem Mühen und Aufwand wenigstens möglich. Am schwierigsten war die Startübung, denn zum Reproduzieren benötigte man vor allem ein Original.
Wer dicke Fotoalben im Regal stehen hat und als Werbegeschenk eine Digitalkamera zum Zeitschriftenabonnement bekommt, kann sich nur schwer vorstellen welch eine Auszeichnung es um 1500 gewesen sein muss, porträtiert zu werden. „Bildwürdig“ waren nur die Höchsten im Lande: Kaiser, Könige, Fürsten, Päpste, Kardinäle … – und Luther! Fast 500 Bildnisse des Reformators sind bis in unsere Zeit erhalten, während wir von vergleichbaren Männern, Johannes Hus oder John Witcliff zum Beispiel, kein einziges kennen.

Verbal die Zähne fletschen und im Bild die Kehle zeigen
Seinen Großangriff gegen den Papst, die „Leipziger Disputation“, schmückte Luther selbstbewusst mit einem Bildnis von sich: Und wo die Worte erzürnten, sollte das Porträt offenbar besänftigen. Luther fletschte verbal die Zähne und zeigte im Bild die Kehle: In der Manier eines Heiligenbildchens, wie sie als Randfiguren in der zeitgenössischen Malerei damals häufig auftauchten, stellte er sich fast bescheiden als zierlicher Mönch im verhaltenen Redegestus dar und fügte sich damit – durchaus selbstbewusst, aber eben harmlos beschränkt – in die seit Jahrhunderten bestehenden Tradition klerikaler Bildnisse.

1520 erkannte Geheimsekretär Georg Spalatin, der am wittembergischen Hof für „Public Relations“ zuständig war, dass die Attraktivität des Reformators viele junge ehrgeizige Studenten an die Universität Wittenberge zog. Um den Gelehrten deswegen ein wenig aus der Ziellinie seiner Kritiker zu nehmen, begann Spalatin mit gezielter Lobbyarbeit und suchte die Unterstützung seriöser Prominenter. So nahm er unter anderem auch Kontakt zu Albrecht Dürer auf und der riet nicht nur dazu, verstärkt Bilder Luthers unters Volk zu streuen, sondern gab dem Wittenberger Hofmaler, Lucas Cranach, auch gleich ein Musterbild auf den Weg. Cranach, begierig, dem großen Künstlervorbild nachzueifern, schuf 1520 nach eben diesem Muster sein erstes Lutherbildnis, das er als Kupferstich massenhaft reproduzierbar veröffentlichte. Luther wurde darauf als erschöpfter Augustinermönch mit tiefliegenden Augen dargestellt, zäh und glühend in seiner inneren Überzeugung. Das Bildnis passte zu dem soeben erst berühmt gewordenen Kirchenkritiker, der etablierte Werte in Frage stellte und auf die Macht der katholischen Kirche schimpfte.

Nur wenige Monate später erschien ein neues, völlig anderes Porträt Luthers, ebenfalls gestochen von Lucas Cranach. Es zeigte einen sanften, friedlich gestimmten und etwas fülligeren Luther und wurde vom Wittemberger Hof vorgezogen: Mit diesem gesprächsbereit wirkenden Geistlichen konnte man beim Wormser Reichstag besser und sympathischer auftreten, wenn es um den streitbaren Reformator und die Interessen der wittembergischen Universität ging.

Mit der steigenden Bekanntheit Luthers wuchs auch die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Hofmaler und dem Geistlichen. Cranach verstand es nämlich wie kein anderer, Luthers Forderungen und sein Gedankengut in die jeweiligen Bildnisse einfließen zu lassen. Und PR-Profi Luther wiederum konnte über die Vervielfältigung der Porträts seinen jeweiligen Positionen Nachdruck verleihen. Denn seine Bildnisse zeigten Gesprächsbereitschaft, Demut, Bildung, Milde, Frömmigkeit, Selbstbewusstein, Macht, Autorität, Kühnheit, Heldenmut – je nachdem wie es gerade nötig war. Sie lösten Mitleid, Zustimmung und Sympathie aus, aber provozierten auch Gegenwehr, Empörung und Aufsehen. Luther kam das alles gerade recht.

Auf manchen Bildern erkannte man ihn als kämpferischer Anwalt der kleinen Leute wieder, der sich mit freundlichem Blick engagiert für ihre Interessen vor dem hohen Klerus einsetzte. Auf anderen Bildern erschien er als der harmlose religiöse Gelehrte, der doch nur unschuldig die Wahrheit suchte. Dass zeitgenössische Karikaturisten sein vielseitiges PR-Spiel durchschauten und ihn abfällig als „Siebenkopf“ verhöhnten, mag Luther geärgert haben, beeinträchtigt hat es seinen Erfolg nicht. Im Kern hatten alle seine Botschaft verstanden: Die variantenreiche Selbstinszenierung als „Protestant“ war gelungen.

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