Bertha Benz – ein Strumpfband hier, ein Bremsklotz dort

Filmausschnitt "Carl & Bertha"

Dieser Tage widmen die öffentliche-rechtlichen Sendeanstalten der ARD ihre jährlich wiederkehrende „Themenwoche“ dem Aspekt der Mobilität. Höhepunkt dieses sehr facettenreichen Themas und deswegen zu bester Sendezeit (20.15) auf bestem Sendeplatz (Das Erste) platziert ist der Spielfilm „Carl und Bertha„. Es ist eine angeblich wahre Geschichte. Sie findet sich in fast jeder publizierten Automobilchronik und sie soll uns Staunen machen. Ein PR-Gag der Extra-, ja, man möchte kalauern, der S-Klasse!

Es ist heute nur noch schwer vorstellbar: Da hatte der Mannheimer Ingenieur Carl Benz das Auto erfunden, und keiner schien sich dafür zu interessieren. Dabei hatte der Patent-Motor-Wagen bei seiner offiziellen Vorstellung 1886 eine gute Presse bekommen. So lobte der Generalanzeiger der Stadt Mannheim die problemlose Handhabung des neuartigen Fuhrwerks und sagte ihm eine positive Zukunft als schnelles und billiges Beförderungsmittel für Geschäftsreisende und Touristen voraus. Trotzdem ging es mit Produktion und Verkauf der Fahrzeuge in den nächsten zwei Jahren nicht vorwärts. Ein Umstand, der die Familie Benz nicht zuletzt ökonomisch traf.

Alle Mittel steckten in den zahlreichen Erfindungen und Patenten, und es kam einfach nicht genug Geld ins Haus. Zudem war Benz, der begnadete Ingenieur, geniale Techniker und ideenreiche Erfinder, ein lausiger Geschäftsmann und wurde wohl auch oft von seinen kaufmännischen Partnern schlecht beraten. So fehlte es im Benzschen Haushalt an Geld, Zwangsversteigerung und Bankrott drohten, und Ehefrau Bertha, die bereits ihre gesamte Mitgift in die Unternehmungen ihres Mannes gesteckt hatte, wusste nicht, wovon sie die Miete zahlen und die Ausgaben für den Haushalt bestreiten sollte.
Ob sie nun ihren Mann aufrütteln wollte, der gelegentlich selbst nicht so recht an den Erfolg seiner Erfindung zu glauben schien, oder ob sie dem Automobil zu größerer Bekanntheit und besseren Verkaufschancen verhelfen wollte, ist nicht überliefert. Jedenfalls entschloss sich Bertha Benz zu einem waghalsigen Unternehmen, mit dem sie weit über ihre Rolle als gutbürgerliche Hausfrau hinauswuchs und Geschichte schrieb: Am frühen Morgen des 4. August 1888 schnappte sie sich das Automobil und brach, begleitet von ihren beiden Söhnen Eugen und Richard, von Mannheim Richtung Pforzheim auf, wo ihre Mutter lebte – ohne Wissen ihres Mannes. Und das zu einer Zeit, in der Frauen nicht einmal das Wahlrecht hatten und auch sonst von den bürgerlichen Rechten vielfach ausgeschlossen waren.

Es waren aber vor allem die Bedingungen dieser abenteuerlichen Reise, die Bertha Benz berühmt machen sollten: Von Straßen im heutigen Sinne konnte kaum die Rede sein, es gab natürlich weder Tankstellen noch Werkstätten am Wegesrand, und das Auto war noch nie auf einer längeren Strecke getestet worden. So mussten die zahlreichen Pannen und andere nicht vorhersehbare Probleme auf der 104 Kilometer langen Strecke mit viel Fantasie und Improvisationstalent bewältigt werden: Die abgenutzten Bremsklötze waren ob der ungewohnten Beanspruchung nach kurzer Zeit abgefahren und mussten bei einem Schuster neu mit Leder überzogen werden. Die verstopfte Benzinleitung reinigte Bertha Benz selber mit einer Hutnadel, und einen Kurzschluss, verursacht durch das blank gescheuerte Zündkabel, behob sie mithilfe ihres Strumpfbands, mit dem sie das fehlende Isolierband ersetzte.

Außerdem musste das Trio unterwegs einen Schmied aufsuchen, der die Antriebsketten, von der Dauerbelastung überfordert, notdürftig reparierte. In Wiesloch ging dann das Benzin zur Neige, und Bertha fuhr an der Stadtapotheke vor, um zwei Liter nachzutanken – und einen verblüfften Apotheker zurückzulassen. Wo immer das merkwürdige Gefährt auftauchte, wurde es von Schaulustigen umringt und bestaunt, und wenn der Wagen wegen der schlechten Übersetzung an einer Steigung streikte, fanden sich beim Schieben immer freiwillige Helfer. Weit nach Einbruch der Dunkelheit traf man erschöpft, aber glücklich in Pforzheim ein. Und Bertha, jetzt wieder ganz Frau ihrer Zeit, telegrafierte umgehend nach Mannheim, um ihrem Mann den Erfolg der Probefahrt zu melden.

Nach ihrer Rückkehr verfasste Bertha Benz eine Art Testbericht, in dem sie auf technische Mängel hinwies und Verbesserungen vorschlug. So sollten Bremsklötze und -beläge verstärkt und – zur Bewältigung von Steigungen – das Getriebe um einen Gang erweitert werden. Der wirtschaftliche Erfolg der Benz-Automobile stellte sich allerdings erst ein halbes Jahrzehnt später ein, und auch die PR-Wirkung dieser ersten Fernfahrt hielt sich in Grenzen – erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Auto nicht nur zum Massenverkehrsmittel, sondern auch zur Männerdomäne und damit „Frau am Steuer“ zum Schimpfwort wurde, avancierte Bertha Benz in den Medien zur Pionierfrau, der Mut, Abenteuergeist und technisches Verständnis bescheinigt wurden: Sie ging in die Geschichte ein als die Frau, die das männlichste aller Gebrauchsgüter, das Auto, auf seine Alltagstauglichkeit getestet hat.

Und wo ist nun der PR-Gag? Nun, man könnte meinen, in der Tatsache, dass eine Frau dieser Zeit und Generation die Zügel, Verzeihung, das Lenkrad selbst in die Hand nahm und ihrem Mann einmal zeigte, was ein Strumpfband so alles vermag. Frauenpower – das konnte in denen als Biedermeier bezeichneten 80er Jahren des 19. Jahrhunderts durchaus schon eine Sensation sein und würde den Nachrichtenwert der Geschichte hinreichend erklären.

Man könnte sich aber auch fragen, warum in dieser schönen Geschichte einfach alles zu stimmen scheint – ohne dass gleichzeitig ein Ausspruch der von Galilei erprobten Art überliefert ist: „Und ich beweg mich doch!“ Es kursieren Gerüchte, wonach Carl Benz nicht nur ein lausiger Geschäftsmann, sondern auch ein lausiger Ehemann gewesen sein soll. Bleibt die naheliegende Frage: Warum steigt normalerweise eine Frau mit ihren Kindern ins Auto und fährt zu ihrer Mutter, ohne den Mann darüber zu informieren?

Man könnte also messerscharf schließen, dass Carl Benz zwar in vielen Dingen lausig gewesen sein mag, dass er aber durchaus über ein gewisses PR-Talent verfügte: So könnte er also auf die clevere Idee gekommen sein, der spektakulären Autofahrt seiner Frau einfach eine andere Bedeutung zu geben. Ein wenig pointierende Täuschungen, ein Strumpfband hier, ein Bremsklotz dort – und schwupps, war aus dem spektakulären Ehekrach eine sensationelle Testfahrt geworden. Wer weiß?

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