Erfolgreich blamieren – Kolumbus blieb seiner Dummheit treu

„Irrtümer haben ihren Wert, / jedoch nur hier und da, / denn nicht jeder der nach Indien fährt, / entdeckt Amerika.“ – Mit einem geleierten Poesiealbumgedicht wird 500 Jahre später eine der größten Blamagen der Weltgeschichte verlacht. Und die kichernden Kinder haben Recht: Kolumbus war nicht nur in Mathematik und Astronomie ein Dilettant, weswegen er den Erdumfang falsch berechnete und sich 1492 überhaupt auf den Weg nach Indien wagte. Er glaubte auch noch bis an sein Lebensende, er sei in Indien gelandet, hielt Haiti für Japan und Kuba für China.

Doch dass nicht Amerikas Namenspatron Amerigo Vespucci in die populäre Geschichte der Entdeckungen einging, sondern der sich beständig irrende Kolumbus, nach dem Kolumbien – ein Landzipfel, den er selbst nicht einmal betreten hat, benannt wurde – das ist ein Phänomen, das einer Erklärung harrt.

Sicher, Kolumbus war fast zehn Jahre vor Vespucci in der neuen Welt. Aber in der Wissenschaftsgeschichte ernten oft genug andere den Lorbeer. Kaum jemand kennt Erostathenes, der lange vor Kolumbus den Erdumfang fast auf den Meter präzise errechnete, und zwar schon 274 vor Christus. Und wer hat schon den Namen Aristarchos präsent als denjenigen, der lange vor Galilei, nämlich etwa 300 v.Chr. erkannte, dass die Erde um die Sonne kreist? Auch Antoine Lavoisier, der als Vater der modernen Chemie und als Entdecker des Sauerstoffs gefeiert wird, war zwar derjenige, der dem Sauerstoff im 18. Jahrhundert seinen Namen gab, aber beileibe nicht sein Entdecker.

Das Geheimnis von Kolumbus’ Medienerfolg ist sein Unvermögen, nichts sonst. Gerade weil er so vernarrt in eine falsche Idee war, gerade weil er sich die Blöße gab, offensichtlich Fehler zu machen, gerade weil er mit seinem Unternehmen scheiterte, kam er ans Ziel.

Dabei machte er so ziemlich alles falsch, was man falsch machen konnte: In Bezug auf den Erdumfang – aufgrund dessen er die Dauer seiner Schiffsreise berechnete – hielt er sich an die Werte eines Geographen namens Poseidonios, der leider eine Zahl nannte, die ein Fünftel unter dem realen Wert liegt. Aber da der alte Grieche natürlich in griechischen Seemeilen gerechnet hatte, und zu Zeiten von Kolumbus in römischen Meilen gerechnet und gesegelt wurde, musste unser Held die Zahlen umrechnen. Und wieder pfuschte der Welteneroberer, hielt sich an Umrechnungstabellen, die lediglich auf Schätzwerten beruhten, und kam – Hurra! – per Rechenfehler und damit per Zufall auf die beinahe richtige Zahl.
Was im Ergebnis positiv klingt, wäre für den Fortgang der Ereignisse eine Katastrophe gewesen, weil niemand eine so weite Reise gewagt hätte. Kolumbus aber blieb sich selbst treu, verwechselte arabische mit römischen Meilen und kam so auf die kürzeste Reiseentfernung, die jemals errechnet worden war. Dazu machte „der Großadmiral des Ozeans“ noch einige geographische Fehler, verschob Asien als Ganzes und Japan für sich nochmals um dreißig Grad nach Osten – und so wurde die Reiseroute immer kürzer. Plötzlich lagen zwischen Japan und den Azoren nur noch 4.400 Kilometer, dabei wäre wohl bei korrekter Rechnung das Vierfache herausgekommen.

Einen Trottel muss man einfach ins Herz schließen
Verteidiger von Kolumbus’ Intelligenz werfen an dieser Stelle gern das Argument ins Feld, der clevere Mann habe die Zahlen bewusst gefälscht, um seine Sponsoren von dem irrwitzigen Unternehmen zu überzeugen.

Solche Raffinesse wäre dem Mann durchaus zuzutrauen, aber dann bliebe die Frage offen, warum sich Kolumbus an seine gefälschten Zahlen so genau gehalten hat und nicht insgeheim korrekte Berechnungen führte. Ihm hätte ja bewusst sein müssen, dass er mit den falschen Zahlen nicht ans richtige Ziel kommen könne. Ehrbarer Versuch, aber Kolumbus hat offensichtlich selbst an das geglaubt, was er der Öffentlichkeit präsentierte.

Zum Glück oder Unglück – je nachdem – kam ihm erneut der Zufall zu Hilfe. Denn wo eigentlich seine Seemannen hätten kläglich verhungern müssen, trafen sie nach etwa 4.000 Kilometern zufällig auf die Bahamas. Kolumbus klatschte in die Hände: Wunderbar, das musste Japan sein. Genau wie er berechnet hatte!

Der wissende Leser grinst und erkennt: Die Blamage des Kolumbus war zwar peinlich groß, gleichzeitig aber auch enorm sympathisch. Statt sich siegessicher aufs Entdecker-Genie-Podest zu stellen, beharrte er auf seinem Irrtum – solch einen Trottel muss man einfach ins Herz schließen.

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