Evita Perón – „Aschenputtel des 20. Jahrhunderts“

Die Voraussetzungen zum Ruhm Eva Peróns waren alles andere als günstig: Geboren als uneheliche Tochter in einem kleinen Dorf bei Buenos Aires wuchs sie mit ihren Geschwistern in erbärmlichen Verhältnissen auf. Evita zeichnete sich von Anfang an durch extremen Ehrgeiz aus und verfolgte energisch das erklärte Ziel, berühmt zu werden. Als 15-Jährige verließ sie früh und jung ihre Familie , um in der Hauptstadt eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen. Der brünetten jungen Frau blieb der Erfolg jedoch verwehrt, so dass sie in zweifelhaften Nachtclubs arbeiten musste, um ihr armseliges Dasein in heruntergekommenen Hotels zu finanzieren. Sie war eine von vielen – und erkannte dieses Manko erstaunlich schnell.

Also begann sie zu handeln – schließlich wollte sie ganz nach oben. Als erstes veränderte sie ihren Typ: Sie blondierte ihre Haare und pflegte fortan eine streng zurückgekämmte und „anständige“ Frisur zu tragen, ihre Kleidung wurde ebenfalls konservativer. Und sie läutete ihren gesellschaftlichen Aufstieg mit systematischem Lobbying in eigener Sache ein, indem sie sich Liebhaber nach Einfluss aussuchte: der Seifenfabrikant, für den sie Werbung machte, der Chef der Zeitschrift Sintonía, der ihr Foto auf die Titelseite brachte, der Admiral, der seit dem Putsch von 1943 darüber entschied, welche Radiosendungen liefen und wo Fräulein Duarte, so ihr Mädchenname, mitreden durfte. Die Liste ist lang und nährt den feindseligen Ruf von Evita, der Prostituierten.

In jedem Fall stieg sie Schritt für Schritt die gesellschaftliche Leiter empor, bis sie Ende 1945 auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung den konservativen und ebenfalls ehrgeizigen Kriegsminister Juan Perón kennenlernte. Noch am selben Abend spannte sie ihn seiner ständigen Begleitung aus – sie hatte die Chance ihres Lebens instinktiv erkannt. Als 24-Jährige unterbrach sie ihre Karriere als Schauspielerin und begann eine neue als Führerin der Massen, als Heldin der argentinischen Geschichte.

Die perfekte Selbstinszenierung als Propagandistin ihres Mannes nahm zielstrebig ihren Anfang: Evita warb in großen Auftritten vor ihrem Volk für das politische Programm ihres Mannes und wurde an seiner Seite innerhalb weniger Jahre zur First Lady des Landes. Mit einer eigenen täglich ausgestrahlten Radiosendung entwickelte sie sich zum fanatischen Sprachrohr des konservativen Lagers, indem sie medienwirksam und lautstark für mehr soziale Gerechtigkeit und eine unabhängige starke Wirtschaft warb – stets im Namen ihres Mannes. Sie wusste sicher mit dem Mikrophon umzugehen dank ihrer Radioerfahrung. Sie wusste um die entscheidende Rolle der Medien (Presse, Funk, Fernsehen), bei der Schaffung von Ikonen. Und sie wusste als Filmschauspielerin um die Bedeutung der äußeren Erscheinung. Kleidung, Frisur, Gestik und Mimik entsprachen stets in idealer Weise ihrer Botschaft.
Juan Perón erkannte schnell, welchen Fang er mit der in seinen Kreisen teilweise als Nutte verunglimpften Evita gemacht hat. Denn indem sie mit Ansprache und Gestus mit den bis dahin üblichen Traditionen brach, brachte sie in noch nie dagewesenen Dimensionen zwei Trümpfe ins Spiel: Emotionen und die Tatsache, dass sie eine aus dem Volk war.

Es waren die einfachen Menschen, die in Evita „eine von uns“ erkannten; es waren die Arbeiter, die sie zum Idol erhoben. Nebenbei – und das wurde bei vielen tatsächlich zur Nebensache – akzeptierten sie gleichzeitig die politischen Ziele Peróns. So konnte nicht einmal seine Verhaftung im Oktober 1945 den politischen Sieg Peróns aufhalten – Evita sei Dank. Denn sie organisierte innerhalb kurzer Zeit einen Protestmarsch, an dem mehr als 200.000 Menschen teilnahmen – und die Putschisten mussten nachgeben. Das arme Mädchen aus der Gosse wurde wenige Monate später zur Präsidentengattin.

Obwohl Evita ihre Stellung Zeit ihres Lebens gnadenlos ausnutzte, indem sie Millionen Dollar für Luxus jeglicher Art ausgab, ohne eigentlich eine Einnahmequelle zu besitzen, stand das Volk immer hinter ihr und feierte sie als „Aschenputtel des 20. Jahrhunderts“. Dabei nahm die Herrschaft der Peróns schnell diktatorische Züge an: Wie einst die absolutistischen Herrscher in Frankreich besetzten sie politische Schlüsselpositionen mit Familienmitgliedern oder engen Vertrauenspersonen und kontrollierten über ein ausgefeiltes Spitzelsystem Presse und Untergebene. Über diese negativen Begleiterscheinungen der Regierungszeit Perón wurde das Volk von den Gegnern der Konservativen natürlich stets auf dem Laufenden gehalten – allerdings mehr oder weniger erfolglos.
Die Perónsche PR-Strategie war zu stark, als dass man mit simpler Aufklärung und Wahrheitsliebe gegen sie ankam. Zumal Evitas PR-Instrumente so perfekt gewählt waren, das sie nicht nur Ruhm, sondern auch Macht einbrachten: Mit ihrer Stiftung für Soziale Hilfe, die ihr Image als großzügige Wohltäterin unterstreichen sollte, erlangte sie neben der großen Popularität auch die Handlungsfreiheit als größte Unternehmerin Argentiniens. Sie ließ im ganzen Land Krankenhäuser, Schulen, Waisenhäuser und Altenheime bauen. Die Mittel bekam sie vom Staat, von den Gewerkschaften und durch Industriespenden, aber niemals war sie irgendjemandem Rechenschaft über die Ausgaben schuldig.

Leben in einer großartigen Live-Show
Als Evita 1951 unheilbar an Leukämie erkrankte und kurze Zeit später starb, trauerte ein ganzes Volk wochenlang. Schon wenige Tage nach ihrem Tod – sie starb wie Jesus mit 31 Jahren – begannen sich Geschichten und Legenden um Evita zu ranken, für die sie selbst zu Lebzeiten schon den Nährboden gelegt hatte. Das Bild des Opfers, das Hingeben aus Liebe war in ihren pathetischen Auftritten von Anfang an präsent gewesen. Aber seit 1949 hatten sich die fast religiösen Metaphern in ihren Reden verstärkt.
„Ich verbrenne mein Leben, ich bin bereit, für die peronistische Sache auch den letzten Tropfen Blut zu geben, weil eine Dankesschuld, wie ich sie gegenüber dem Volke habe, nur mit dem Leben bezahlt werden kann“ – Sätze wie diese dröhnten durchs Land. Im Mai 1952 sprach sie zum letzten Mal in der Öffentlichkeit, aggressiver denn je drohte, schimpfte und fluchte sie. Als der Jubelstrom der Massen nachließ, sackte sie in die Arme ihres Mannes.

Der rühmt sich knapp zwanzig Jahre später seines PR-Meisterwerkes: „Evita war mein Geschöpf. Ihre Rolle war sozial, nicht politisch.“ Dass sie sehr viel mehr war als eine Marionette ihres Mannes, nicht nur seine erstklassige Demagogin, sondern dass sie auch politische Macht besaß, ist heute unbestrittene Tatsache. Sie lebte in einer Zeit und in einem Land, in dem Frauen erst 1951, dem Jahr ihres Todes, das erste Mal überhaupt wählen durften. Ein Frau mit Machtwillen und Ehrgeiz, wie sie es war, kam in der Gedankenwelt ihrer Zeit schlichtweg nicht vor. So war nicht Juan, sondern Evita diejenige, die die Fäden zog, wenngleich sie nach Außen hin ganz Frau, ganz Weib, ganz Gattin blieb. In ihrer Autobiographie – auch die übrigens professionell mit Hilfe von Ghostwritern als PR-Instrument zur Imagebildung geschaffen – beteuerte sie jedoch: „Das Glück einer Frau ist nicht ihr Glück, sondern das Glück anderer.“

So sehr sie auch durch ihr Tun und Handeln sämtliche Normen ihrer Gesellschaft brach, in ihrer PR-Strategie blieb Evita konventionell. Wählte sie im wahren Leben gelegentlich die Waffen einer Hure, so entschied sie sich in ihrer Selbstinszenierung für die Rolle der Heiligen: Sie kümmerte sich ohne Pause und Unterlass um die Ärmsten der Armen, verschenkte Fußbälle, Nähmaschinen, Prothesen und Medizin, sie schüttelte Hände, küsste Wangen und umarmte selbst die Kranken und Siechen – immerzu umgeben von einem Bienenschwarm fleißiger Fotografen, Kameraleute, Reporter, Journalisten, aber auch Diplomaten und Unternehmer aus aller Welt. Ihr Leben war eine großartige Live-Show.

Eine Sorte von Show übrigens, die auch andere berühmte und mächtige Frauen zu moderieren verstanden. Überhaupt scheint diese Art von Selbstinszenierung vielen First Ladies per definitionem zu obliegen: Ob Eleannore Roosevelt, Elena Gorbatschowa, Hannelore Kohl, Christiane Rau oder gar Doris Schröder-Köpf – während die Herren regieren, gehen die Damen spendieren: eine Stiftung hier, eine Spende dort, eine Wohltat hüben, ein Geschenk drüben. Doch nur die wenigsten Präsidentengattinnen nehmen ihre Rolle ernst genug, als dass es ihnen zum Ruhm gereichen könnte. Auch all die Fürstinnen, Prinzessinnen und Kaiserinnen verblassen bei den glamourösen Wohltätigkeitsbällen, weil sie sich der gesellschaftlichen Inszenierung zu sehr unterordnen und die Selbst-Inszenierung vergessen.

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