Vodafone kauft Mannesmann – Ein Skandal, der keiner war


Normalerweise klingt die Aufregung ab: Erst wird großer Bohei gemacht, alles regt sich auf. Dann gewöhnen sich die Menschen allmählich daran. Am Ende ist es total normal. Dass Frauen Hosen tragen zum Beispiel war mal ein echtes Aufregerthema. Oder dass Fußballspieler ein „Handgeld“ bekamen, also dafür bezahlt wurden, um bei einem bestimmten Verein zu spielen. Ja, das war mal ein großer Skandal. Deswegen wurde Hertha BSC einst aus der Bundesliga verbannt. 1964/65 war das. 50 Jahre später wäre eine Sensation, wenn ein Spieler KEIN Geld bekäme, um den Verein zu wechseln.

Aber die Aufregungskurve kann auch anders verlaufen: Statt abwärts nämlich aufwärts. Etwas das einst banal war, wird plötzlich zum Aufreger.

Firmenkäufe, Fusionen oder Unternehmens-Allianzen zum Beispiel sind eigentlich nichts Neues auf dem Markt der Weltwirtschaft. Schon im 19. Jahrhundert prophezeite Karl Marx, dass das Kapital zum Zusammenschluss neige und es dadurch nach und nach zu einer Monopolisierung der Konzerne kommen würde. „M & A“-Abteilungen, als Experten für „Mergers & Akquisitions“ bei Banken oder Unternehmensberatungen sind eine Selbstverständlichkeit, die dem Wachstumswunsch der großen Unternehmen durch Zukäufe kleinerer oder Fusionen mit gleichgroßen Rechnung tragen.

„Feindliche Übernahmen“ jedoch waren Ende des 20. Jahrhunderts eine brandheiße Neuigkeit – dachte man zumindest und ließ sich dadurch von einem täuschenden PR-Gag blenden, der nicht nur schummelte, sondern auch zusammenbrachte, was begrifflich nicht unbedingt zusammengehört: Freie Marktwirtschaft und Krieg.
Die britische Mobilfunkfirma Vodafone Airtouch hatte es sich Anfang der 1990er Jahre zum Ziel gesetzt, zur größten Mobilfunkfirma der Welt zu werden. Weltweit suchte Vodafone-Chef Chris Gent darum nach Beteiligungen, die ihm helfen sollten, seine Macht auszubauen. In Deutschland hatte sich Gent die traditionsreiche Firma Mannesmann ausgesucht. Die Telekommunikationssparte von Mannesmann hatte in den zurückliegenden Jahren mit einigem Erfolg an einer Kombination aus Mobilfunk und Festnetz gebastelt.
Ein weiterer Grund für Vodafones Wahl: Gerade erst hatte Mannesmann vor der Haustür Gents gewildert und den Kauf des drittgrößten britischen Mobilfunkbetreibers Orange angekündigt. Gent wollte sich den Störenfried vom Hals schaffen, indem er ihn sich einverleibte, was er nach außen aber weniger krass formulierte. Von Herbst 1999 an warb Vodafone um Mannesmann, doch die Braut zierte sich. Das erste Angebot – 43,7 Vodafone-Aktien im Tausch gegen ein Mannesmann-Papier – lehnte die Düsseldorfer Unternehmensspitze als unzureichend ab. Wenige Tage später legte Gent nach und bot 53,7 Aktien für eine Mannesmann-Aktie, aber die Antwort blieb die gleiche.

Knapp vier Monate lang hielten die Verhandlungen die Weltöffentlichkeit in Atem. In dieser Zeit stieg die Mannesmann-Aktie täglich im Wert. Am Ende zahlt Vodafone statt der ursprünglich gebotenen 100 Milliarden Euro fast das doppelte: 190 Milliarden. Gent und Esser schütteln sich die Hände, und der unbeteiligte Zuschauer rieb sich verdutzt die Augen. Der wochenlange Medienkrieg endete nicht mit Sieg und Niederlage, sondern in einer Rekordabfindung des alten Mannesmannchefs. War das die neue Art Krieg zu führen: Der Verlierer leistet keine Raparationszahlungen, sondern kassiert 60 Millionen Euro, auf Lebenszeit einen Wagen mit Fahrer und ein Büro mit Sekretärin?
Erst im Rückblick wurde klar, wie und warum dieses eigentlich banale Geschäft zu einem Medienereignis geworden war. Denn obwohl der (damals neue) Begriff es suggeriert, wird bei einer feindlichen Übernahme keineswegs Gewalt angewandt, stürmen keine maskierten Piraten das Firmenschiff des Wettbewerbers oder bringen es zum Kentern, um die Beute auf einer einsamen Insel unter sich aufzuteilen. Die Waffen, die hier gezückt werden, sind nichts als gängige Tauschmittel der alten Wirtschaft: Geld, Geld und nochmals Geld. Sehr viel davon nämlich bietet ein Unternehmen den Aktionären eines anderen Unternehmens, um deren Aktien zu kaufen und sich damit die Macht zu sichern.
Natürlich ging es bei solchen Tauschgeschäften um gigantische Gelddimensionen. Auch wurde in diesem Fall nicht über Strümpfe oder kleine Brötchen verhandelt, sondern um „die Zukunft der Kommunikation“. Umso mehr, lauter und lieber wurde deswegen von allen Beteiligten „kommuniziert“ – vor allem von denen, die ein Interesse daran hatten, die Preise hochzutreiben. Das marktschreierische Gebahren der sonst so stillen Nadelstreifenträger wuchs bald ins Extreme, ja, Absurde. Die Öffentlichkeit freute sich am Spektakel, wenngleich sie nicht wirklich verstand, um was es ging. Egal, „Krieg“ ist immer eine Nachricht!

Doch es gab keinen Krieg, sondern nur ein simples Geschäft. Dass die alten Machthaber eine Übernahme durch einen anderen Konzern weder gut noch lustig finden, ist verständlich. Aber ein solcher Übernahmeakt ist deswegen nicht unmoralisch – wenngleich der Begriff „feindliche Übernahme“ dergleichen nahelegen soll. Aber es würde ja auch niemand behaupten, dass der morgendliche Brötchenkauf eine feindliche Übernahme sei, wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn der Bäcker seine Ware zum Höchstgebot versteigern würde.
Die Inszenierung des Krieges diente allein der Verhandlungsstrategie. vermutlich war esser von Anfang an klar, dass ein Verkauf gut und richtig wäre, und das Vodafone kein schlechter Käufer war. Aber dank der Medienkampagne und der aufgeschreckten Öffentlichkeit stieg nicht nur der Aktienkurs, sondern auch die persönliche Abfindung des ehemaligen Chefs. Dass Esser am Ende trotzdem zum Verlierer wurde, lag dann nicht an der verlorenen (Medien-)Schlacht gegen Vodafone, sondern an der skeptischen Staatsanwaltschaft. Die hegte den Verdacht, Esser habe den Übernahmekampf mit Vodafone zur persönlichen Bereicherung genutzt. Untreue hieß der Vorwruf, dem sich nicht nur Mannesmannvorstand Esser, sondern auch Gewerkschaftschef Zwickel und Deutsche-Bank-Vorstand Ackermann ausgesetzt sahen.

Bis zum Prozessende vergingen vier Jahre. Die Ermittlungen und Prozessverhandlungen hinterließen weniger Medienschlagzeilen als die vorausgegangene „Übernahmeschlacht“. Wenngleich das Ackermann-Foto mit dem Victory-Zeichen als PR-Gau in die Geschichte der Kommunikation eingegangen ist. Andere Geschichte. Die Richterin sprach am Ende alle Angeklagten frei. Für sie war die Geschichte nichts Besonderes: Business as usual. Ein Skandal, der keiner war.

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