Bitteres Beispiel für teuflischen Imagetransfer


Das wahre Böse ging nicht mit Humor in die Mediengeschichte ein, sondern mit Aggressivität und Zynismus. Es ist ein finsteres, wenn auch sehr gekonntes Kapitel in der Geschichte der Public Relations, eines, an das vor allem die Deutschen denken, wenn sie den Begriff Propaganda hören. Untrennbar ist dieses Wort mit dem Nationalsozialismus und Joseph Goebbels verbunden.

Die ausgeklügelte und ineinandergreifende Öffentlichkeitsarbeit des Nazi-Regimes lieferte im Sommer 1936 ein monumentales Beispiel ihres Könnens: Vom 1. bis 16. August fanden in Berlin die XI. Olympischen Sommerspiele statt. Die Nationalsozialisten verwandelten sie in ein perfektes Propagandaspektakel zum Ruhme des „Neuen Deutschland“. Sie setzten alles an PR-Maßnahmen ein, was zur damaligen Zeit möglich war.

16 Tage im August 1936 demonstrierte das Regime seine vermeintliche Weltoffenheit und verbarg seine rassistischen Parolen. Schließlich sollten friedliche Spiele stattfinden. Im antiken Griechenland hatten kriegerische Auseinandersetzungen während der Spiele zu ruhen. Also hielt man während der Olympiade das Bild des friedlichen Deutschlands aufrecht. Tausende von Tauben flogen anlässlich der Eröffnung in die Luft. Als erstes Land mobilisierte Deutschland sämtliche Ressourcen zur perfekten Inszenierung und propagandistischen Aufbereitung der Spiele. Der Weltöffentlichkeit zeigte sich das Bild einer aufstrebenden, gastfreundlichen und friedliebenden Nation. „The greatest propaganda stunt in history“, urteilte die New York Times.

Das Nazi-Regime wollte sich der Welt von seiner besten Seite zeigen. Traditionell wird bei Olympischen Spielen großen Wert auf Zeremonien und Symbole gelegt, seit jeher gab es pompöse Eröffnungs- und Schlussfeiern. Aber schon die Bauwerke von 1936 sprengten alles Dagewesene. In Berlin zelebrierte sich das nationalsozialistische Deutschland auf dem 500 Meter langen „Reichssportfeld“, einst „Kampf- und Feststätte des deutschen Volkes“. Zwölf Meter tief liegt in diesem Areal das Olympiastadion. Wuchtig und beklemmend wirkt es noch heute. Hunderttausend Menschen finden hier Platz. Als Aufmarschstätte für unglaubliche 250.000 Menschen entstand hinter dem Olympiastadion das Maifeld. In naher Umgebung wurden Schwimm-, Reit-, Hockey- und Tennisstadien errichtet. In der großen Freilichtarena, die ebenfalls für die Olympiade erbaut wurde, der heutigen Waldbühne, pflegte es den nationalen Pathos.

Rundfunk, Presse und Film feierten gemeinsam das „Fest der Schönheit“. Erstmals bedienten sich die Herrschenden jener technischen Neuerungen, die später zu Massenmedien werden sollten. Mahr als dreitausend Radiosendungen über die Olympiade knisterten in die Wohnstuben, Direktübertragungen dröhnten aus Lautsprechern auf öffentlichen Plätzen. Der Deutsche Rundfunk übertrug die Wettkämpfe erstmalig live „in kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Rundfunk der fremden Nationen“. Insgesamt waren vierzig Länder an diesen ‚Olympia-Weltsender‘ angeschlossen.

Und sogar das damals noch kleine Fernsehen war schon mit dabei: Rund 160.000 Sportbegeisterte verfolgten die Übertragungen in 28 so genannten Fernsehstuben in Berlin und Leipzig. Die Medienberichterstattung, perfekt durchorganisiert und koordiniert vom Propagandaministerium, war riesig. Für die Zeit der Spiele wurden die deutschen Journalisten zur Mäßigung aufgerufen: Auch die sportlichen Erfolge ausländischer Sportler sollen in die Schlagzeilen kommen, nicht nur die der Deutschen.

Ein Landesstellenleiter für Propaganda empfing ausländische Journalisten mit den Worten: „Sagen Sie Ihren Landsleuten, dass Sie ein Volk angetroffen haben, das mit allen Nachbarn in Frieden und guter harmonischer Eintracht leben will.“ Zum Zwecke der positiven Selbstdarstellung war den Propagandisten jedes Mittel recht. Vor den Augen der Welt instrumentalisierte der NS-Staat die Olympischen Spiele für seine innere Stabilität und für die erhoffte außenpolitische Aufwertung.

Und an sämtlichen Austragungsorten drehte Leni Riefenstahl mit ihrem Riesenteam von zweihundert Leuten für ihren zweiteiligen Film über die Olympiade. Unglaubliche 400.000 Meter Zelluloid wurden dafür belichtet. Ein Superlativ jagte den nächsten.

Die Veranstaltung von 1936 geriet zur Olympiade der Rekorde: Niemals zuvor gab es mehr Teilnehmer, mehr Wettbewerbe und größere Besucherzahlen. Auch die sportliche Bilanz war außergewöhnlich: Es wurden 15 neue Weltrekorde und knapp fünfzig olympische Bestleistungen aufgestellt – auch hier übertrafen die Spiele alles schon Dagewesene. Die deutsche Mannschaft gewannt insgesamt 89 Medaillen, darunter 33 goldene. Zum ersten und bis heute einzigen Mal belegte sie in der Mannschaftswertung Platz eins.

Aber ein Mann stellte bei dieser Olympiade alle anderen in der Schatten und riss die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin: Jesse Owens, der über hundert Meter, zweihundert Meter, im Weitsprung und in der Sprintstaffel gewann, und viermal auf dem Sieger-Treppchen ganz oben stand. Adolf Hitler verweigerte dem herausragendsten Sportler dieser Olympiade jedoch den Handschlag – aufgrund seiner Hautfarbe. Lutz Long, deutscher Weitspringer, Muster-Arier mit leuchtend blondem Haar, hingegen wagte es, vor den Augen seines „Führers“ das nichtarische Laufwunder in den Arm zu nehmen. In anderen Momenten hätte ihn derlei im „Dritten Reich“ das Leben kosten können.

Proteste gegen die Spiele gab es auch, schon seit Anfang der dreißiger Jahre. Vor allem in den USA wurde viele Kritik gegen Deutschland als Austragungsort laut. Man sah das olympische Prinzip gefährdet, das im Sport die vollkommene Gleichheit aller Rassen und Bekenntnisse anerkennt. Doch vergeblich, nach massiven Beeinflussungen hielt das Internationale Olympische Komitee an Berlin fest, da es im Boykott ein unzulässige Vermischung von Sport und Politik sah. Appeasement-Politik auch in der Sportarena. Und damit sollte der Imagetransfer zwischen den glorreichen Spielen und dem „glorreichen Reich“ möglich werden.

Das Nazi-Regime wollte unter allen Umständen eine ungeheure Propaganda-Wirkung für Deutschland und außerdem einen großen wirtschaftlichen Nutzen erzielen. Dafür verzichteten es für die Dauer der Spiele sogar auf die sonst übliche Verbreitung rassistischer Parolen. Dank erheblicher kosmetischer Korrekturen schaffte es die deutsche Regierung, die ganze Welt zu täuschen. Für die Dauer der Spiele verschwanden antisemitische Hetzplakate und Parolen wie „Juden raus“ aus dem Stadtbild, um negativen Schlagzeilen vorzubeugen. Man gab sich weltoffen und tolerant, sogar zwei Alibi-„Halbjuden“ wurden in die deutsche Mannschaft aufgenommen. Niemand sollte Deutschland Juden-Feindlichkeit vorwerfen können.

Und völlig geblendet sahen alle nur noch das, was sie sehen sollten. Adolf Hitler und seine wirkungsvolle Propaganda-Maschinerie haben es geschafft, unter dem Begriff „Spiele unterm Hakenkreuz“ in die Geschichte einzugehen. Die technisch meisterhaften Inszenierungen der Wettkämpfe gelten trotz oder wegen des zugrunde liegenden Menschenbildes und der politischen Bildsymbolik als ein Manifest nationalsozialistischer Ideologie und Ästhetik. Von Konzentrationslagern, Verfolgung und Terror erfuhr die Welt nichts. Manchmal ist es mehr als bedauerlich, wenn PR-Tricks funktionieren.

Das olympische Dorf in Elstal bei Berlin wurde übrigens erst nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1999 zu einem Museum umgewandelt, das mit wenig Mitteln, aber sehr sorgfältig gestaltet ist. Die DKB Stiftung finanziert regelmäßige Führungen über das Gelände. Wenn man mal in der Gegend ist, lohnt sich ein Besuch!

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